Kleidung - Gedankenanstöße zur textilen Globalisierung

 

Quelle: „Weisse Plantagen – eine Reise durch unsere globalisierte Welt“ von Érik Orsenna, Verlag C.H.Beck oHG, München 2007

 

Allgemeine Fakten:
70 Länder in tropischen und subtropischen Zonen produzieren das Weiße Gold, 140 Millionen Menschen im Baumwollanbau oder in der Verarbeitung, 20 Millionen Tonnen Baumwolle jedes Jahr, eine der intensivsten Anbaukulturen überhaupt: 4% der weltweiten Ackerfläche, 10% der Pestizide, 22% der Insektizide, die weltweit zum Einsatz kommen, 25% gentechnisch verändert, Indien: Baumwolle auf 5% des Ackerlandes, 54% aller zum Einsatz kommenden Agrarpestizide, 25% der durch Pestizide verursachten tödlichen Unfälle im Baumwollbereich

 

China:
12 Stunden Arbeitstag, 7 Tage pro Woche, 1 Woche Urlaub pro Jahr, wenn der Chef nett ist, keine Fenster, keine Tische, keine Sessel, Arbeit am Boden, Halbdunkel, kein Wasser, kein WC, keine Hygiene, Krankheit, Elend, Schmutz, Russ, Lärm, Gestank, Gemeinschaftsschlafsäle, Kinderarbeit, Sklaverei, Ausbeutung, Erschöpfung und Resignation der ArbeiterInnen - Alltag im 21. Jh. wie von Dickens über das 19. Jh. geschrieben: dieselbe Armensuppe, dieselben Schlafsäle, dieselben leeren Augen ohne Perspektive und Hoffnung, Datang, die Stadt der Socke: 1000de Firmen, 10.000de ArbeiterInnen, die ausschließlich Socken produzieren, Arbeit nach Auftrag aus aller Welt, Auftrag endet nie, daher endet Arbeit nie.

 

Usbekistan:
Baumwollernte von Mitte Sept. bis Ende Nov.: alle Schulen und Universitäten ausgestorben: alle Kinder und Jugendlichen ab 10 Jahren auf den Feldern, 12 Stunden am Tag pflücken für einen symbolischen Lohn von 4 Cent/Kilo, karges Essen, notdürftige Schlafplätze in Scheunen, Staat hebt keine Steuern ein, sondern rekrutiert 40% aller öffentlichen Einnahmen aus dem Kauf der gesamten Baumwolle des Landes und einem Verkauf am Weltmarkt um den 2-3fachen Preis, Geld des Baumwoll- Ankaufes für die Bauern sollte Staat eigentlich auf die einzige Landwirtschaftsbank einzahlen, nimmt aber oft „Anleihen“ genau von diesem Geld, sodass die Kassen leer sind und die Bauern oft monatelang auf ihren Lohn warten, das usbekische Volk ist ein sehr geduldiges...

 

Brasilien:
Mato Grosso, die größte Farm der Welt, ein Stück wirtschaftlicher Unendlichkeit auf Kosten des Urwaldes, Roden ohne Ende, Rauchsäulen im Himmel, Amazonien im Rückzug - die Lunge der Welt, wem gehört dieser für das Überleben der Menschheit notwendige Reichtum des Regenwaldes? Fazendas und ihre Herren - kaum über 20, wie die Generäle Napoleons, hunderte Leute unter sich, tausende Hektar Baumwolle unter sich, riesige Maschinen, die wie Ungeziefer die riesige Ebene fressen, weißes Gold für die Welt, Gier und Verachtung gleichzeitig, rechtfertigt Genmanipulation: Warum keine Spinnengene in die Baumwolle, wenn die Fäden dadurch elastischer werden?, dazwischen bitterste Armut: Baracken aus Blech, Wände aus Plastiksäcken, Autowracks, die Frauen kochen, die Männer dösen, Kinder und Ratten dazwischen, die „Landlosen“ - vegetieren statt leben, Kampf der Titanen: die größte Farm gegen den größten Wald der Erde - muss man den Planeten ersticken, um ihn zu ernähren?

 

Mali:
Rohstoffmetropole Koutiala: Fabriken, rund um die Uhr Schichtbetrieb, 7 Tage in der Woche, Menschen mit Taucherbrillen und schweren Masken, die Mund und Nase bedecken, eine fürchterliche Plackerei ohne Pause, Afrikaner sind faul?, 600 Lastwägen in Zehnerreihen, die auf die Erlösung warten: Monströse Industrieschlunde, die in ein paar viertel Stunden Tonnen von weißen Flocken schlucken, danach wartend, dass sich der Weltmarkt für sie interessiert, Krieg der Währungen zwischen Europa und USA, eines der ärmsten Länder – abhängig vom Euro, einer der teuersten Währungen – welch Paradoxon!, Lastwagenlehrlinge, die kein Geld verdienen, sondern nur etwas zu essen bekommen, schlafen, kochen und wohnen zwischen Vorder- und Hinterachse, träumen davon, dass sie es irgendwann einmal zum Lastwagenfahrer bringen

 

Brasilianer und Afrikaner:
Es gibt keine unterschiedlicheren Agrikulturen: Auf der einen Seite Überdimensionalität und Mechanisierung, auf der anderen Seite Felder, die zu Dörfern gehören und von Familien per Hand bestellt werden, nur ein Wunsch einigt: wettbewerbsfähig zu bleiben, nur eine liberale Forderung einigt: das Gesetz des Marktes, und sie machen gemeinsame Sache gegen die Falschspieler, die ihre Produzenten subventionieren: Europa und USA.

 

Amerika:
Schlechte Böden, geschickte Zollbarrieren, schlechtes Klima, 10 Milliarden Dollar Subventionen, 75% davon an 10% der Großproduzenten, unrentable Produktionen künstlich am Leben erhalten, anders würden amerikanische Pflanzer aufhören, Baumwolle anzubauen, Kursanstieg zwischen 5 und 17% am Weltmarkt wäre die Folge, Millionen Dollar in die Forschung an Pestiziden und Insektiziden, Genmanipulation hebt den nationalen Stolz, wer gentechnisch verändertes Saatgut als Bauer länger als ein Jahr verwendet, ohne erneut dafür zu zahlen, wird strafrechtlich verfolgt, Abhängigkeitsspirale ohne Ausweg und ohne Denken, Mutationen, Gewöhnungseffekt, Dosiserhöhung, Gesundheitsrisiko?, keine nachweisbaren, das wichtigste ist der „freie Markt“, dafür tut Amerika alles, was gefordert wird, der Kunde muss König bleiben, egal zu welchem Preis, egal, welche Forderungen die WHO stellt.

 

Das Ergebnis: ein T-Shirt um 3 Euro

Wie kann ich das rechtfertigen?
Wie kann ich das verantworten?
Wie kann ich mich über so einen Kauf freuen?